# Wenn nicht die Uhr das Problem ist, sondern die Fünferreihe

Quelle: https://www.zeigerheld.de/ratgeber/wenn-die-fuenferreihe-das-problem-ist
Veröffentlicht: 2026-08-19
Aktualisiert: 2026-09-09

## Kurzantwort

Wenn ein Kind an „zwanzig nach vier“ scheitert, liegt die Ursache häufig beim Zählen in Fünferschritten. Die Uhr verlangt den Zahlenraum bis 60, während Kinder am Ende der ersten Klasse sicher bis 20 rechnen. Stellen Sie die Aufgabe deshalb einmal ohne Ziffernblatt: Wer „5, 10, 15, 20“ nicht flüssig aufsagen kann, braucht zuerst die Fünferreihe. Zusätzliches Uhrentraining hilft an dieser Stelle nicht und kostet vor allem Motivation.

## Ein Kind, eine Aufgabe, die falsche Diagnose

Die Szene ist verbreitet. Das Kind sitzt vor der Uhr, der lange Zeiger steht auf der Vier, und die Antwort kommt nicht. Zu Hause wird daraufhin das Naheliegende getan: mehr Uhr. Eine Papieruhr wird gebastelt, ein Arbeitsblatt ausgedruckt, abends noch zehn Minuten geübt. Nach zwei Wochen steht das Kind an derselben Stelle, nur mit weniger Lust.

Der Grund ist oft, dass die Aufgabe gar nicht das prüft, wofür man sie hält. „Zwanzig nach vier“ abzulesen verlangt drei Dinge gleichzeitig: die Vier als Stunde zu lesen, dieselbe Vier als vierten Schritt auf dem Minutenkreis zu sehen und daraus 4 × 5 = 20 zu rechnen. Nur das erste davon ist Uhrenwissen. Der Rest ist Mathematik – und genau dort geht es häufiger schief.

## Die Zahlenraum-Falle

Der Kern des Problems lässt sich in einem Satz sagen:

> Die Uhr verlangt den Zahlenraum bis 60. Ein Kind am Ende der ersten Klasse rechnet sicher bis 20.

Dazwischen liegt eine Lücke, die die Uhr nicht schließt und auch nicht schließen kann. Welche rechnerische Voraussetzung zu welcher Stufe gehört, zeigt die Aufstellung der [Erwerbsfenster von fünf bis elf Jahren](/ratgeber/uhr-lesen-lernen-ab-welchem-alter). Wer ein Kind Minuten ablesen lässt, bevor es in Fünferschritten zählen kann, stellt ihm eine Aufgabe, deren Lösungsweg es noch gar nicht kennt. Das Kind merkt das – es merkt nur nicht, woran es liegt, und schließt daraus meist etwas Falsches über sich selbst.

Eine eigene Studie zu dieser Beobachtung gibt es nicht. Sie ergibt sich aus dem Aufbau der Lehrpläne, und wer viel mit Zweitklässlern arbeitet, kennt sie. Gut belegt ist der Zusammenhang im Großen: [Burny, Valcke und Desoete beschrieben 2012](https://doi.org/10.1177/0022219411407773) das Uhrlesen als unterschätztes Thema bei Kindern mit Schwierigkeiten in Mathematik. Deren Rückstand beim Uhrlesen war deutlich, und als eine der zentralen Hürden erwies sich die Doppelbedeutung der Ziffern auf dem Ziffernblatt.

Deshalb gilt: Scheitert ein Kind an den Minuten, lohnt der erste Blick auf das Rechnen.

## Was das Uhrlesen wirklich voraussetzt

Uhrlesen ist eine Kette von Teilschritten. Jedes Glied hat seine eigene rechnerische Voraussetzung.

| Was das Kind lesen soll | Was es dafür rechnen können muss | Wo der Lehrplan das verortet |
|---|---|---|
| „3 Uhr“ | Zahlen bis 12 sicher erkennen | Ablesen: Jahrgangsstufe 1/2 |
| „halb 4“ | Vorstellung von „die Hälfte von etwas“ | Ablesen: Jahrgangsstufe 1/2 |
| „zwanzig nach vier“ | Fünferreihe sicher bis 60 | Lehrplan sagt nicht, wie genau |
| „zwanzig vor vier“ | zusätzlich: Ergänzen zu 60, rückwärts denken | Lehrplan sagt nicht, wie genau |
| „3 Uhr 17“ | Zahlenraum bis 60, Weiterzählen ab beliebigem Wert | „1 h hat 60 min“: Jahrgangsstufe 3/4 |
| „von 3:20 bis 4:05 – wie lange?“ | Subtraktion über den Stundenübergang | Rechnen mit Größen: Jahrgangsstufe 3/4 |

Die rechte Spalte bezieht sich auf den [bayerischen LehrplanPLUS](https://www.lehrplanplus.bayern.de/fachlehrplan/grundschule/1/mathematik) und bleibt eine grobe Orientierung. Im Lernbereich M1/2 3.1 heißt es, die Kinder „lesen Uhrzeiten ab und bestimmen einfache Zeitspannen über Anfangs- und Endzeitpunkt“; welchen Genauigkeitsgrad das Ablesen dort erreichen soll, sagt der Lehrplan nicht.

Der Lernbereich M1/2 3.2 verlangt außerdem, Zeitspannen zu vergleichen und zu ordnen. Gerechnet wird mit Größen erst im [Fachlehrplan der Jahrgangsstufe 3/4](https://www.lehrplanplus.bayern.de/fachlehrplan/grundschule/3/mathematik), samt der Besonderheit „1 h hat 60 min“. Bayern regelt Mathematik in Doppeljahrgangsstufen: Der Text gilt für die beiden Jahre gemeinsam und lässt offen, in welchem davon ein Inhalt an die Reihe kommt. Die Lehrpläne der Länder unterscheiden sich in Details, und die Kinder untereinander noch mehr.

Wichtiger als die Lehrplanbezüge ist, was in der Tabelle auffällt: Die beiden Sprünge, an denen es am häufigsten hakt, sind beide *rechnerische* Sprünge. Der erste führt von den halben Stunden zu den Fünferschritten, der zweite von den Fünferschritten zum Rechnen mit Zeitspannen. Am Ziffernblatt ändert sich dabei fast nichts.

## Die Selbstdiagnose am Küchentisch

Sie brauchen dafür fünf Minuten und keine Materialien. Das Prinzip: Stellen Sie dieselbe Anforderung zweimal – einmal mit Ziffernblatt, einmal ohne.

Durchgang 1 läuft ohne Uhr. Fragen Sie beiläufig:

- „Zähl mal in Fünferschritten bis sechzig.“
- „Was ist vier mal fünf?“
- „Was kommt nach fünfunddreißig, wenn man immer fünf dazuzählt?“

Durchgang 2 läuft mit Uhr. Zeigen Sie auf das Ziffernblatt:

- „Wo steht der lange Zeiger bei zwanzig nach?“
- „Der lange Zeiger steht auf der Vier – wie viele Minuten sind das?“

Die Auswertung ist erfreulich eindeutig.

| Durchgang 1 | Durchgang 2 | Was zu tun ist |
|---|---|---|
| stockt | stockt | Fünferreihe üben, ohne Uhr. Die Uhr kommt später zurück. |
| sitzt | stockt | Es ist tatsächlich die Uhr. Weiterüben lohnt sich. |
| stockt | sitzt | Das Kind zählt die Minuten einzeln ab, statt in Fünfern zu rechnen. Das geht, dauert aber lange. Die Fünferreihe sollte trotzdem dazukommen. |

Der zweite Fall ist der einzige, in dem zusätzliche Uhrenübungen die richtige Antwort sind; welche zu welcher Stufe passen, zeigen [sieben Ideen aus dem Alltag](/ratgeber/uhr-lesen-ueben-im-alltag). In allen anderen üben Sie an der Uhr etwas, das gar nicht an der Uhr hakt, sondern am Rechnen.

Ein Nachsatz, der sich lohnt: Notieren Sie bei jedem Fehler mit, *was* das Kind geantwortet hat. „Vier Minuten“ statt „zwanzig Minuten“ ist ein anderer Fehler als „fünf Uhr“ statt „vier Uhr“, und beide führen zu einer anderen Übung. Ein Fehler, der sich wiederholt, ist eine Information.

## Wenn es nicht am Rechnen liegt

Es gibt eine zweite Sorte von Fehlern, die mit Mathematik nichts zu tun hat. Sie sind reine Konventionen: Festlegungen, die ein Kind gesagt bekommen muss, bevor es sie anwenden kann. Wer sie für Rechenfehler hält, übt ebenfalls das Falsche.

### Warum „halb vier“ 3:30 bedeutet

Der häufigste Fehler überhaupt: Das Kind nennt die vergangene statt der kommenden Stunde und sagt „halb drei“, wenn es 3:30 ist. Dahinter steckt eine sprachliche Eigenheit des Deutschen. Wir zählen vorwärts, auf die nächste Stunde zu. Das Englische macht es umgekehrt („half past three“), und beide Varianten sind für ein Kind gleich willkürlich. Diese Regel lässt sich nicht ableiten; sie muss gesagt und dann geübt werden, am besten mit Zeiten, bei denen die falsche Antwort spürbar unpassend ist („halb sieben“ beim Abendessen). Dieselbe Vorwärtsrichtung steckt übrigens in [„viertel vier“ und „dreiviertel vier“](/ratgeber/viertel-nach-drei-oder-viertel-vier).

### Der kurze Zeiger steht zwischen zwei Zahlen

Bei 4:30 zeigt der kurze Zeiger auf keine Zahl mehr. Er steht genau zwischen der Vier und der Fünf. Viele Kinder runden auf die Fünf auf und sagen dann „halb sechs“ statt „halb fünf“ – oder „fünf Uhr dreißig“. Der Denkfehler dahinter ist verständlich: Bisher zeigte der Zeiger immer auf etwas.

Hier hilft nur Anschauung. Drehen Sie an einer Lernuhr langsam am langen Zeiger und lassen Sie das Kind zusehen, wie der kurze Zeiger dabei mitwandert. Wichtig ist, dass er das tatsächlich tut: Modelle und Apps, bei denen er von Stunde zu Stunde springt, machen diesen Punkt unlernbar. [Zeigerheld berechnet den Winkel des kurzen Zeigers aus Stunde und Minute zusammen](/), damit er bei jeder Drehung mitgeht.

### Der lange Zeiger wird wörtlich gelesen

„Der Zeiger steht auf der Sechs, also sechs Minuten.“ Oder: „halb vier“ wird zu „drei Uhr sechs“. Das ist die Doppelbedeutung der Ziffern, die auf jedem Ziffernblatt steckt: Die Vier heißt beim kurzen Zeiger „vier Uhr“ und beim langen „zwanzig Minuten“. Dass die Zeiger dabei lang und kurz heißen und nicht groß und klein, [hat denselben Grund](/ratgeber/langer-und-kurzer-zeiger): Was sich am Ziffernblatt nachprüfen lässt, muss niemand auswendig lernen. Ein Minutenring mit außen aufgedruckten Werten (5, 10, 15 …) löst das sofort, und man darf ihn ruhig lange stehen lassen.

## Erst herausfinden, dann üben

Mehr vom Falschen zu üben hilft nicht. Es kostet Zeit, es kostet Motivation, und es erzeugt bei Kind und Eltern den Eindruck, hier sei etwas grundsätzlich schwierig. In den meisten Fällen fehlt nur ein Baustein, der zufällig nicht auf dem Ziffernblatt liegt.

Die Reihenfolge lautet deshalb: erst herausfinden, woran es hakt, dann üben. Wo die Fünferschritte im ganzen Lernweg stehen, zeigt der [Leitfaden zum Uhrlesen](/uhr-lesen-lernen). Fünf Minuten Diagnose sparen zwei Wochen Frust, und sie liefern nebenbei die einzige Auskunft, die beim Üben wirklich weiterhilft: welche Aufgabe eigentlich gestellt werden müsste.

## Häufige Fragen

### Woran erkenne ich, ob mein Kind rät statt liest?

Achten Sie auf die Antwortzeit und auf die Art des Fehlers. Wer rät, antwortet auffällig schnell und liegt unsystematisch daneben – mal eine Stunde daneben, mal völlig woanders. Wer rechnet, braucht spürbar länger und macht wiederkehrende Fehler derselben Sorte. Ein Muster im Fehler ist ein gutes Zeichen: Es lässt sich behandeln.

### Hilft eine Lernuhr aus Holz oder Pappe?

Ja, vor allem eine mit sichtbarem Minutenring, auf dem außen 5, 10, 15 und so weiter stehen. Sie nimmt dem Kind genau den Schritt ab, der beim Rechnen hakt, und lässt es trotzdem selbst ablesen. Wichtig ist, dass sich der kurze Zeiger mitbewegt, wenn man am langen dreht. Uhren, bei denen er auf ganze Stunden springt, machen halbe Stunden unlernbar.

### Sollten wir das Uhrlesen pausieren, bis die Fünferreihe sitzt?

Nicht ganz pausieren, aber trennen. Volle und halbe Stunden brauchen die Fünferreihe nicht und können weiterlaufen. Alles, was Minuten enthält, stellen Sie zurück, bis die Fünferreihe steht. So bleibt das Thema Uhr lebendig, ohne dass jede Übungsrunde in einer Niederlage endet.

### Kann eine Rechenschwäche dahinterstecken?

Möglich ist es. Kinder mit Schwierigkeiten im Rechnen scheitern häufig auch an der Uhr, weil das Ablesen auf Zahlenraum, Fünferreihe und später auf Subtraktion aufbaut. Burny, Valcke und Desoete zeigten 2012, dass solche Kinder beim Uhrlesen deutlich zurückbleiben und dass das Thema in der Förderung regelmäßig übersehen wird. Wenn die Fünferreihe über Wochen nicht sicherer wird, ist das ein Grund, mit der Lehrkraft zu sprechen.

## Quellen

- Burny, Valcke & Desoete (2012): Clock Reading: An Underestimated Topic in Children With Mathematics Difficulties. Journal of Learning Disabilities 45(4), 351–360 – https://doi.org/10.1177/0022219411407773
- LehrplanPLUS Bayern, Mathematik Grundschule, Jahrgangsstufen 1/2 – https://www.lehrplanplus.bayern.de/fachlehrplan/grundschule/1/mathematik
- LehrplanPLUS Bayern, Mathematik Grundschule, Jahrgangsstufen 3/4 – https://www.lehrplanplus.bayern.de/fachlehrplan/grundschule/3/mathematik
